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Studieren ohne Abitur Bayern: Voraussetzungen, Wege, Bewerbung

Studieren ohne Abitur Bayern ist längst kein Sonderfall mehr. Rund 8.500 Studierende im Freistaat Bayern nutzen den Zugang über ihre Berufsqualifikation. Die Möglichkeiten haben sich in den vergangenen Jahren deutlich erweitert und machen das Bundesland Bayern zu einer attraktiven Option für berufstätige Menschen ohne Fach Abitur oder schulische Hochschulreife. Rechtsgrundlage ist Art. 88 Abs. 5 und 6 des Bayerischen Hochschulinnovationsgesetzes (BayHIG) in Verbindung mit der Qualifikationsverordnung (QualV). Dieser Ratgeber zeigt die Voraussetzungen in Bayern, erklärt die Wege zum Hochschulzugang, grenzt allgemeinen und fachgebundenen Zugang voneinander ab und führt Schritt für Schritt durch die Bewerbung bis hin zum Studienplatz.

Voraussetzungen für Studieren ohne Abitur in Bayern

Für ein Studium ohne (Fach-)Abitur in Bayern kommen grundsätzlich zwei Personengruppen infrage. Die Antwort auf die Frage nach der nötigen Qualifikation hängt davon ab, ob ein Aufstiegsabschluss wie Meister vorliegt oder nur eine Berufsausbildung mit Berufserfahrung. Mit einem Meister, Techniker, Fachwirt oder einer gleichgestellten Fortbildung erhalten Bewerber die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung für jedes Studienfach. Wer nur eine zweijährige Berufsausbildung plus mindestens drei Jahre Berufspraxis vorweist, bekommt den fachgebundenen Hochschulzugang für inhaltlich verwandte Studiengänge. Pflicht ist in beiden Fällen ein Beratungsgespräch an der jeweiligen Hochschule vor der Bewerbung. Beim fachgebundenen Zugang kommt zusätzlich das erfolgreiche Bestehen einer Hochschulzugangsprüfung oder eines Probestudiums dazu.

Anforderungen beim Zugang mit Meisterprüfung oder gleichgestellter Fortbildung

Der Meisterabschluss öffnet seit dem Wintersemester 2009/10 alle Türen an bayerischen Hochschulen und Fachhochschulen. Entscheidend ist die bestandene Meisterprüfung nach den Bestimmungen des Berufsbildungsgesetzes oder der Handwerksordnung. Gleichgestellt sind berufliche Fortbildungsabschlüsse, deren vorbereitender Lehrgang einen Stundenumfang von mindestens 400 Stunden umfasst und die vom Staatsministerium anerkannt wurden. Dazu zählen insbesondere der Fachwirt und Betriebswirt nach IHK- oder HwO-Prüfung, der staatlich geprüfte Techniker, der Verwaltungsfachwirt oder die bestandene Fachprüfung II an der Bayerischen Verwaltungsschule. Auch Fortbildungsabschlüsse einer Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie (VWA) mit staatlich genehmigter Prüfungsordnung gehören dazu.

Weiter öffnen den allgemeinen Hochschulzugang Abschlussprüfungen einer öffentlichen oder staatlich anerkannten Fachschule (etwa Techniker) oder Fachakademie (etwa Erzieher). Eine Sonderstellung nehmen gleichwertige Qualifikationen im Sinne des Seemannsgesetzes für den nautischen oder technischen Schiffsdienst sowie landesrechtliche Fortbildungen im Bereich Pflege, Gesundheit und Management ein. Wichtige Nachweise bei der Bewerbung sind das Zeugnis über die bestandene Prüfung mit Einzelnoten, der Nachweis des Lehrgangsstundenumfangs (wenn nicht aus dem Zeugnis ersichtlich, von der zuständigen Berufskammer zu bescheinigen) sowie eine Bestätigung über das Beratungsgespräch an der gewünschten Hochschule.

Welche Wege zum Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte gibt es?

Das bayerische System kennt drei klar unterschiedene Optionen. Welcher Weg passt, hängt vom bisherigen Bildungsweg, der Berufserfahrung und dem angestrebten Studiengang ab. Der allgemeine Hochschulzugang über Aufstiegsfortbildung ist der direkteste Weg. Meister, Techniker, Fachwirt und gleichgestellte Abschlüsse nach einer beruflichen Weiterbildungsprüfung mit mindestens 400 Stunden Lehrgang öffnen den Zugang zu jedem Bachelorstudiengang, egal welche Fachrichtung.

Der fachgebundene Hochschulzugang über Berufsausbildung plus Berufspraxis ist die zweite Option. Sie verlangt eine mindestens zweijährige Berufsausbildung und drei Jahre hauptberufliche Praxis in einem fachlich verwandten Bereich. Vor der Aufnahme des regulären Studiums kommt eine Eignungsprüfung oder ein Probestudium. Als dritter Weg steht das Aufstiegsstipendium offen. Wer ein Aufstiegsstipendium des Bundes erhält, kommt bereits mit zweijähriger Berufspraxis in den fachgebundenen Zugang. Diese Option ist eine wichtige Motivation für besonders engagierte Personen, die ihre berufliche Laufbahn mit einem Studium ergänzen möchten.

Unterschied allgemeiner und fachgebundener Hochschulzugang

Die beiden Wege unterscheiden sich nicht nur in den Voraussetzungen, sondern auch in den Folgen für die Studienfachwahl. Die folgende Vergleichstabelle fasst die wichtigsten Unterschiede zusammen.

MerkmalAllgemeiner HochschulzugangFachgebundener Hochschulzugang
RechtsgrundlageArt. 88 Abs. 5 BayHIG, § 29 QualVArt. 88 Abs. 6 BayHIG, § 30 QualV
Typische QualifikationMeister, Techniker, Fachwirt, Erzieher2-jährige Berufsausbildung + 3 Jahre Berufspraxis
StudienfachJeder Bachelorstudiengang frei wählbarNur fachlich verwandte Studiengänge
Zusätzliche PrüfungKeine (nur Beratungsgespräch)Hochschulzugangsprüfung oder Probestudium
NachweisFortbildungsabschluss-ZeugnisAusbildungszeugnis + Praxisnachweis

Für beide Wege gilt: Das Beratungsgespräch muss vor der Bewerbung stattfinden. Eine Bescheinigung einer bayerischen Hochschule wird von anderen Hochschulen anerkannt, sofern es sich um einen eng verwandten Studiengang handelt.

Fachgebundener Zugang: Berufsausbildung plus Berufspraxis

Wer keinen Meisterabschluss oder gleichwertige Aufstiegsqualifikation hat, aber eine solide berufliche Grundlage, kann über den fachgebundenen Zugang studieren. Die Voraussetzungen nach Art. 88 Abs. 6 BayHIG und § 30 QualV sind genau definiert. Vorausgesetzt wird eine erfolgreiche, mindestens zweijährige Berufsausbildung nach BBiG oder Handwerksordnung mit bestandener Abschlussprüfung. Daran muss sich in der Regel eine mindestens dreijährige hauptberufliche Berufspraxis anschließen. Sowohl Ausbildung als auch Praxis müssen in einem fachlich verwandten Bereich zum Studienfach liegen.

Teilzeitbeschäftigung zählt als hauptberufliche Praxis, wenn sie mindestens die Hälfte einer Vollzeitstelle umfasst. Der Eignungsnachweis erfolgt durch eine Hochschulzugangsprüfung oder ein Probestudium von zwei bis vier Semestern. Beim Probestudium stellt die Hochschule Bedingungen an die erreichten ECTS-Leistungspunkte. An der Hochschule Aschaffenburg etwa müssen nach dem ersten Semester mindestens 10 ECTS und nach dem zweiten Semester insgesamt 30 ECTS aus Prüfungsleistungen des ersten Studienjahres vorliegen. Bei berufsbegleitenden Studiengängen gelten reduzierte Werte, zum Beispiel 5 und 20 ECTS.

Bewerbung Schritt für Schritt

Der Ablauf eines Bewerbungsverfahrens für ein Studium ohne Abitur in Bayern folgt immer ähnlichen Etappen, unabhängig davon, ob es sich um einen Bachelorstudiengang an einer Universität, einer Hochschule oder an Fachhochschulen handelt. Zuerst steht die Wahl des passenden Studiengangs. Bei fachgebundenem Zugang prüfen Bewerber, ob die Qualifikation inhaltlich zum Wunschstudiengang passt. Die Hochschule entscheidet über die fachliche Verwandtschaft.

Im zweiten Schritt wird ein Beratungsgespräch mit der Studienberatung oder dem Fachberater des Studiengangs vereinbart. Viele Hochschulen bieten feste Sprechzeiten oder Online-Slots an. Anschließend stellen Bewerber den Antrag auf Feststellung der Hochschulzugangsberechtigung. Das Formular muss mit allen Nachweisen eingereicht werden. Ausschlussfristen sind zu beachten, an der Universität Augsburg etwa der 15. April für das Wintersemester und der 15. Dezember für das Sommersemester.

Wer den fachgebundenen Zugang nutzt, absolviert nach dem positiven Beratungsgespräch die Eignungsfeststellung durch Probestudium oder Hochschulzugangsprüfung. Sobald die Hochschule die offizielle Bescheinigung über den Hochschulzugang ausgestellt hat, inklusive Angaben zur Durchschnittsnote und zum Datum des Erwerbs der Studienberechtigung, folgt die Online-Bewerbung über das Bewerbungsportal der Hochschule. Nach dem Zulassungsbescheid muss fristgerecht die Immatrikulation erfolgen.

Besondere Fälle und Sonderregelungen

Neben den klassischen Wegen gibt es in Bayern einige Sonderregelungen, die vor allem Berufstätige aus spezifischen Branchen oder mit besonderer Motivation betreffen. Der Studiengang Hebammenwissenschaft zum Beispiel regelt die Zulassung nach § 10 HebG und Art. 88 BayHIG mit eigenen Mindest-ECTS-Regelungen im Probestudium. In den Bereichen Pflege und Gesundheit öffnen landesrechtliche Fortbildungsregelungen für sozialpflegerische und sozialpädagogische Berufe den allgemeinen Hochschulzugang.

Das Aufstiegsstipendium verkürzt die geforderte Berufspraxis von drei auf zwei Jahre und bietet damit gute Chancen für motivierte Bewerber. Ein Wechsel an eine andere bayerische Hochschule ist nach einem Jahr erfolgreichen Studiums möglich; ein Probestudium außerhalb Bayerns zählt dabei nicht mit. Für beruflich Qualifizierte sind außerdem 3 bis 10 Prozent der Studienplätze nach dem Bayerischen Hochschulzulassungsgesetz (BayHZG) in einer Vorabquote reserviert, sodass der Zugang zu begehrten Fächern erleichtert wird.

Häufige Fragen zum Studium ohne Abitur in Bayern

Kann ich mit Fach-Abitur in Bayern ohne Einschränkung studieren?

Mit Fachhochschulreife ist der Zugang zu Fachhochschulen und den meisten Studiengängen an bayerischen Hochschulen möglich. Die allgemeine Hochschulreife (Abitur in Bayern, ob am Gymnasium, an der FOS oder BOS erworben) öffnet zusätzlich Universitätsstudiengänge. Wer kein Abitur und keine Fachhochschulreife hat, geht den Weg über die berufliche Qualifikation.

Welche Hochschulen in München bieten Studiengänge für beruflich Qualifizierte?

In München öffnen die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), die Technische Universität München (TUM), die Hochschule München, die Hochschule für Angewandte Wissenschaften und weitere ihre Türen. Die genaue Liste der Studiengänge und besondere Eignungsfeststellungsverfahren stehen auf der jeweiligen Seite der Hochschule.

Welche Chancen habe ich als Studienanfänger ohne Abitur?

Studien zeigen, dass beruflich Qualifizierte im Studium vergleichbare Leistungen erbringen wie Abiturienten. Vorteil: Berufserfahrung, klare Zielsetzung und hohe Motivation. Herausforderungen ergeben sich vor allem in stark theorielastigen Fächern und beim wissenschaftlichen Arbeiten. Vorbereitungskurse vieler Hochschulen helfen beim Einstieg.

Wer stellt die fachliche Verwandtschaft fest?

Die Hochschule, an der das Studium aufgenommen werden soll, entscheidet über die Zuordnung von Berufsausbildung und Studiengang. Für Fachhochschulen gibt es auf der Seite des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus eine Liste mit Zuordnungen von beruflichen Fortbildungsprüfungen zu Fachhochschulstudiengängen.

Kann ich auch einen Masterstudiengang ohne Abitur aufnehmen?

Der Zugang zu einem Masterstudiengang setzt nach Art. 77 Abs. 3 und Art. 90 BayHIG einen Hochschulabschluss oder einen gleichwertigen Abschluss voraus. Das Abitur in Bayern spielt dafür keine Rolle mehr, entscheidend ist der abgeschlossene Bachelorstudiengang. Wer als beruflich Qualifizierte oder Qualifizierter erfolgreich einen Bachelor abgeschlossen hat, kann sich also regulär für einen Master bewerben.

Was kostet das Studium ohne Abitur in Bayern?

Es gelten die regulären Semesterbeiträge der jeweiligen Hochschule. Studiengebühren im klassischen Sinn gibt es an staatlichen Hochschulen in Bayern für Erststudien nicht. Finanzierung über BAföG, Aufstiegs-BAföG oder Stipendien ist möglich. Das Aufstiegsstipendium richtet sich gezielt an beruflich Qualifizierte mit besonderer Eignung.

Quellen und Kontakt

Zentrale Rechtsgrundlagen sind Art. 88 Abs. 5 und 6 Bayerisches Hochschulinnovationsgesetz (BayHIG), die §§ 29 bis 33 Qualifikationsverordnung (QualV) und Art. 5 Abs. 3 Bayerisches Hochschulzulassungsgesetz (BayHZG). Weiterführende Informationen stellen das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus auf km.bayern.de sowie die Plattform studieren-ohne-abitur.de bereit. Detaillierte Infos zu Beratungsgespräch, Probestudium und Bewerbungsverfahren finden Interessierte auf den Seiten der Technischen Hochschule Ingolstadt, Hochschule Kempten, Universität Augsburg und Universität Bayreuth.

Foto: RDNE Stock project, Pexels (kostenlos nutzbar)

Bildquellen

  • Studieren ohne Abitur Bayern: https://www.pexels.com/photo/men-reading-books-5676665/

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