Eine aktuelle Studie der Technischen Universität München zeigt: Geringqualifizierte nehmen deutlich seltener an Weiterbildungsangeboten teil als gut ausgebildete Beschäftigte. Dabei sind es gerade jene Arbeitnehmer, die am stärksten von Qualifizierung profitieren würden. Das Paradox hat strukturelle Ursachen, die Unternehmen kennen und aktiv adressieren sollten.
Was die TUM-Studie herausgefunden hat
Die TUM-Forschenden haben Daten zu Weiterbildungsbeteiligung und Qualifikationsniveau ausgewertet und kommen zu einem klaren Ergebnis: Je niedriger die Qualifikation, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, an einer Weiterbildungsmaßnahme teilzunehmen. Geringqualifizierte geben mehrere Gründe an: Zeitdruck durch Schichtarbeit oder Mehrfachbelastung, fehlende Information über verfügbare Angebote, negative Erfahrungen mit dem Bildungssystem in der Vergangenheit und die Sorge, im Kurs nicht mithalten zu können.
Hinzu kommt ein struktureller Faktor: Viele Weiterbildungsangebote setzen implizit ein mittleres Bildungsniveau voraus. Die Sprache ist akademisch, die Materialien textlastig, die Formate wenig praxisorientiert. Für Menschen, die nie gern in der Schule saßen, ist das eine hohe Hürde.
Warum das für bayerische Arbeitgeber so relevant ist
Bayern hat rund 400.000 Erwerbstätige ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Diese Gruppe ist am stärksten von Automatisierung und dem Wandel der Arbeitswelt bedroht. Gleichzeitig ist sie am schwersten für Weiterbildung zu erreichen. Für Arbeitgeber bedeutet das: Wer Geringqualifizierte beschäftigt und nicht in ihre Qualifizierung investiert, wird in fünf bis zehn Jahren Positionen nicht mehr besetzen können, weil die Aufgaben sich verändert haben und die vorhandene Belegschaft nicht mitgewachsen ist.
Das betrifft Logistik, Produktion, Reinigung, Gastronomie und viele Handwerksbereiche. Der demografische Wandel verstärkt das Problem: Wenn ohnehin weniger Menschen auf dem Arbeitsmarkt sind, kann man es sich nicht leisten, vorhandene Potenziale ungenutzt zu lassen. Den strukturellen Rahmen liefert der Artikel Demografischer Wandel und Arbeitsmarkt Bayern.
Was Unternehmen konkret tun können
Erstens: Weiterbildungsformate anpassen. Kurze Lerneinheiten direkt am Arbeitsplatz, Video-Tutorials, praktische Übungen statt Präsentationen und eine verständliche Sprache ohne Fachjargon senken die Einstiegshürde erheblich. Betriebliche Ausbilder, die geringqualifizierte Kolleginnen und Kollegen begleiten, erzielen oft bessere Ergebnisse als externe Trainer.
Zweitens: Weiterbildung in die Arbeitszeit integrieren. Wer Beschäftigten zumutet, nach einem langen Schichttag noch einen Kurs zu besuchen, scheitert. Bezahlte Lernzeit während der Arbeitszeit ist keine Kostenstelle, sondern eine Investition in die Belegschaft der Zukunft.
Drittens: Staatliche Förderung nutzen. Die Bundesagentur für Arbeit bezuschusst Weiterbildungsmaßnahmen für Geringqualifizierte im Rahmen des Qualifizierungschancengesetzes. Bayern ergänzt das durch eigene Programme. Wer diese Mittel nicht nutzt, zahlt die Qualifizierung vollständig selbst, obwohl erhebliche Zuschüsse verfügbar wären. Ergänzende Perspektiven bietet der Artikel Bayerische Azubi-Abschlussprüfungen 2026.
Quelle: Zusammenfassung nach Angaben der Technischen Universität München, Pressemitteilung Juli 2026 unter https://www.tum.de/aktuelles/alle-meldungen
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